Warum zum Teufel eigentlich dieses VULVA-Fotoshooting?

 Foto: Nora Tabel

Foto: Nora Tabel

"Warum zum Teufel eigentlich dieses VULVA-Fotoshooting? Sich seine eigene Pussy im Spiegel anzuschauen ist doch so was von retro... ich meine, sind wir jetzt wieder in den 70igern?!"

sagte eine gute Freundin von mir, als sie von dem Workshop von Iva und Nora hörte. Ihre Frage - die ja eher ein Statement war - hat mich in dem Moment betroffen gemacht und gleichzeitig war ich zu perplex, um ihr eine mich selbst zufrieden stellende Antwort aka Statement zu geben. Nachdem ich eine Weile an dem Thema herumgekaut habe und heute die tollen Fotos sah, die bei dem Workshop entstanden sind, mag ich mich an einer Antwort versuchen.

Zunächst einmal zum Grundsätzlichen: Während Männer ihr „bestes Stück“ vor sich hertragen und auch in gemeinschaftlich nackt geteilten Räumen vergleichsweise einfach betrachten und vergleichen können, gestaltet sich das Ganze bei Frauen etwas komplexer. Wir benötigen tatsächlich einige Verrenkungen und einen Spiegel oder ein sehr nahes Herantreten an den Schoß einer anderen Frau, um einen einigermaßen guten Überblick über die Vulva oder gar Einblick in die Vagina zu erhaschen. 
(Hinweis: Was wir außen sehen, ist die Vulva. Die Vagina ist der innere Schlauch, der sie mit der Gebärmutter verbindet. Punkt.)

Es gibt tatsächlich auch im Jahr 2017 Frauen, die sich noch nie in Ruhe „untenrum“ betrachtet haben, weil sie von Scham, religiösen Bedenken oder Angst vor dem, was sie dort aus Sicht des globalen Schönheitsideal-Wahns an optimierungswürdigen Falten und Haaren erwartet, abgehalten wurden. 
Abgeschreckt von dem kulturellen Verbot, sich in kontemplativer Ruhe oder auch spielerischer Neugier, sein eigenes Genital, geschweige denn das eines anderen Menschen anzusehen. Nein, ich rede nicht von dirty lesbian pussy play oder cervix masturbation porn. Sondern von mal ganz in Ruhe anschauen und auf sich wirken lassen. Anfassen. Be-greifen. Riechen. Schmecken. Erfahren.

Nun zum Konkreten: Dem E VIVA LA VULVA-Fotoshooting Workshop von Iva und Nora im Oktober. In der Einladung angekündigt war eine „Abenteuererkundung mit Ritualen und Verehrung deiner Genitalien. Verbinde Dich mit Deinen Sinnen und der Gegenwart und gebäre den Ausdruck der Revolution, die in Dir ist. Zeige und feiere die individuelle Schönheit und Kraft deines Schoßraums.“
Eine kleine Frauenrunde in einem warmen Berliner Wohnzimmer. In der Mitte stehen Blumen. Jede hat etwas mitgebracht. Früchte. Perlen. Muscheln. Ein gemeinsames Ankommen mit Kakao. Übungen, um Herz und Schoß zu verbinden und in den eigenen Körper, die eigene Wahrnehmung von aktuellen körperlichen Empfindungen, Gefühlen und Gedanken zu kommen. Die Einladung, sich einen Schutzraum zu kreieren.

Warum? 
Weil es um Verletzlichkeit geht.
Jede. Einzelne. Frau. Geht. In. Die. Mitte.
Und die anderen dürfen sie und ihre Vulva bestaunen. Ansehen. Verehren. Worte und Gedanken aussprechen. Fragen stellen. Gefühle teilen. Kurze Dialoge wie:
„Oh, jetzt habe ich Angst, dass sie komisch riecht.“
„Ok. Also ich sitze hier ja gerade vor dir, und ich kann ehrlich gesagt nichts Komisches oder Unangenehmes riechen. Ich rieche deinen Schoß. Und er riecht angenehm. Dein Geruch erinnert mich an meine Muschi. Auch wenn er etwas anders ist. Anders angenehm.“
„Puh. Das entspannt mich. Das tut mir gut, das zu hören.“

Was ist das Kernstück dieses Dialoges?
„Oh. Ich habe Angst nicht ok zu sein.“ - „Alles gut. Du bist ok. Ich sehe dich und ich mag dich.“ - Entspannung. Punkt.

Es wird gemeinsam gelacht. Es fließen Tränen. Manche umarmen sich.
Die Magie der tieferen Begegnung, teils zwischen Fremden. Sich-zeigen. Intimität. Authentizität. 
Anschließend geht Nora rum und macht ein Foto von der „puren“ Yoni. Und Iva fragt: „Wie würde sich deine Pussy, deine Yoni, deine Muschi, Vulva or whatever you wanna call it zeigen? Wie würde sie sich kleiden? Ausstellen? Schmücken? Ausdrücken?“
Die Atmosphäre im Raum verändert sich. Alle machen sich geschäftig ans Werk. Stimmung und Ergebnis sind aufgeregt, romantisch, wild, verspielt und experimentell. 
„Nora, kannst du nochmal herkommen“. Nora eilt von der einen zur anderen zurück zur einen und fotografiert. Herausgekommen sind wunderschöne Bilder. Altäre mit Muscheln, Blumen, Blättern, Kastanien, Spiegeln und mehr.
Die anwesenden Frauen waren mutig. Verletzlich. Haben ihre Komfortzone verlassen. Und sich einander gezeigt.

Einige Wochen später treffe ich eine der Teilnehmer*innen zufällig und frage sie, was sie aus dem Workshop mitgenommen hat. Neben dem Foto von Nora. Sinngemäß antwortet sie so etwas wie: „Selbstvertrauen. Es war so heilsam für mich, dass meine Vulva von anderen Frauen betrachtet und wertgeschätzt wurde. Während ich bei einem Mann immer argwöhne, dass er grundsätzlich jede Pussy geil findet, solange die Aussicht besteht, da zeitnah reinspritzen zu dürfen, war diese Verehrung oder auch Absegnung meines Intimbereichs durch andere Frauen unglaublich kraftvoll. Und auch umgekehrt die anderen Vulven in ihrer Vielfalt und Schönheit erleben zu dürfen war großartig und…. naja… beruhigend.“

Womit ich zur Ausgangsfrage aka Statement zurückkommen möchte. Here we go:

In den 70igern mag es revolutionär gewesen sein, seine Pussy zur Kenntnis zu nehmen. 2017 ist der entspannte Blick zwischen die eigenen oder gar fremde Schenkel mindestens genauso ungewöhnlich wenn nicht gar revolutionär, wie damals. 
In Zeiten, wo die 10jährige beste Freundin meiner Tochter ihre Sorge zum Ausdruck bringt, untenrum nicht normal zu sein, weil da mehr „heraushängt", als bei den meisten ihrer Alterskameradinnen und das Schönheitsideal der Barbie-Welt auch im Intimbereich angekommen ist (die „Labioplastik“ rangiert inzwischen auf Platz 19 der beliebtesten schönheitschirurgischen Eingriffe!!!), glaube ich, dass wir sehr gut daran tun uns als Frauen gemeinsam zu treffen und uns gegenseitig unsere Muschis zu zeigen, sie zu bestaunen und zu wertschätzen. Die Gefühle zu fühlen, die das hochbringt. Und diese zu erforschen. Und uns gegenseitig und letztendlich selbst, dass befreiende OK zu geben. It's perfect. Just as it is. Und ja. Wenn wir schon dabei sind - warum nicht auch gleich einen freaking Altar bauen, für unseren süßen wilden Schatz?

Britta Iva